Wie ein positiver gesellschaftlicher Wandel sich negativ auf unsere Kinder auswirken könnte – eine gedankliche Annäherung
Mit neuen Erkenntnissen in den Erziehungswissenschaften hat sich der Umgang mit Kindern und deren Grossziehen im Vergleich zum letzten Jahrhundert markant verändert. Wo damals noch eine klare Hierarchie in der Familie vorherrschte und die Autorität beim Vater, dem Oberhaupt der Familie, lag, sind die heutigen Familienmodelle deutlich demokratischer geordnet und erlauben eine flexiblere Mitbestimmung der Mitglieder. Der autoritäre Erziehungsstil war zur damaligen Zeit auch stark von der Vorstellung geprägt, was eine Familie eigentlich ist. Die «nuclear family», die Kernfamilie, bildete den gesellschaftlichen Grundstein der westlichen Zivilisation und die Hauptstütze einer wohlhabenden Mittelschicht mit klaren Rollenverteilungen. Heute leben wir in einer Zeit, die auch liberalere Familienkonzepte ermöglicht, beispielsweise in Form von Patchwork-Familien, undenkbar in den Fünfzigerjahren. Wie sich das Familienkonzept verändert hat, so hat sich auch die Beziehung und das Verhältnis zu den eigenen Kindern gewandelt. In einem Interview aus der Zeitschrift «Das Magazin» ging der Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach auf verschiedene Fragen zu Schule, Bildung und Erziehung ein. Eine der Fragen lautete: «Warum war die ältere Generation kritischer mit dem eigenen Kind?» Diese Frage lässt sich meiner Ansicht nach nicht einfach auf Anhieb beantworten; der Hintergrund der Ursachen erscheint vielmehr facettenreich und komplex. Mit dem Wissen aus dem Interview und eigenen Überlegungen stelle ich nun die These auf, dass sich aufgrund zunehmender Individualität und einer «What-about-me?»-Mentalität der Fokus von Elternschaft weg von gesellschaftlichen Erwartungen und hin zu Selbstverwirklichung sowie emotionalem «Well-being» verschoben hat. Nicht die Erwartungen an Kinder sind gestiegen, sondern Eltern verlagern ihr eigenes emotionales Bedürfnis zunehmend auf die Beziehung zum Kind.
Roland Reichenbach argumentiert im vorliegenden Interview, dass die Eltern unserer Eltern viel weniger von der Liebe ihrer Kinder abhängig gewesen seien und dass heutige Eltern zu sehr von ihren Kindern geliebt werden wollten – eine pädagogisch schwierige Situation, wie er meint (Z. 6–7). Es gehe dann plötzlich um den Elternteil – darum, geliebt werden zu wollen – und nicht mehr um das Kind und die Schule, wie er feststellt (Z. 7–8). Meiner Ansicht nach stellt dies tatsächlich eine problematische Entwicklung in der Kindererziehung dar, da sich Eltern zu sehr nach der Liebe ihrer noch nicht fertig entwickelten Kinder sehnen.
Die ältere Generation war vermutlich kritischer gegenüber den eigenen Kindern, weil es eine klare Abgrenzung in der Rollenverteilung gab und das Kind kein Bestandteil des emotionalen Wohlbefindens war, sondern ein Wesen, das mittels strenger Regeln und Vorstellungen zu einem vollwertigen, fähigen Menschen heranwachsen sollte. Heute befinden wir uns in einer Gesellschaft, in der solche Vorstellungen einer strengen und strafenden Disziplin zu Erziehungszwecken deutlich abgeschwächt und weniger präsent sind. Gleichzeitig steigen mit dem zunehmenden Bewusstsein für mentale Gesundheit die emotionalen Anforderungen von Menschen an ihr Umfeld. Diese Entwicklung zeigt sich insbesondere darin, dass Eltern ihre emotionale Zufriedenheit zunehmend aus der Beziehung zu ihren Kindern beziehen. Damit verschiebt sich die klassische Rollenverteilung innerhalb der Familie: Nicht mehr ausschliesslich die Eltern übernehmen emotionale Verantwortung, sondern Kinder werden zu Mitträgern des elterlichen Wohlbefindens. Somit haben Eltern den Anspruch, sich von ihren Kindern sehr geliebt zu fühlen, obwohl es in keiner Weise in der Verantwortung der Kinder liegt, für das emotionale Wohlbefinden ihrer Eltern zu sorgen, da sie diesen Wunsch schlichtweg nicht verstehen beziehungsweise nicht einmal erfassen können.

Aufgrund dieses Wunsches nach Anerkennung und Liebe ist die heutige Elterngeneration deutlich weniger kritisch gegenüber dem eigenen Kind. Die Angst, durch Kritik oder Grenzziehung die emotionale Beziehung zu gefährden, führt dazu, dass notwendige erzieherische Interventionen unterbleiben. Erziehung wird dadurch zunehmend durch Beziehungssicherung ersetzt, was langfristig die Entwicklung von Selbstverantwortung und Frustrationstoleranz erschwert. Eltern setzen damit ihren Gefühlshaushalt auf ein höheres Podest als das Wohl ihres Kindes und dessen Zukunft. Aus erzieherischer Perspektive ist diese Haltung problematisch, da sie Kinder in eine Verantwortung drängt, die ihrer emotionalen Reife nicht entspricht. Das heisst nicht, dass Eltern keine Wertschätzung oder Dankbarkeit von ihren Kindern erwarten sollen, sondern dass es ein gesundes Mass an Respekt vonseiten der Kinder braucht, ohne dass diese zu einer emotionalen Stütze der Eltern werden. Dankbarkeit ist eine wichtige Grundkompetenz, die Kinder in ihrer Erziehung erlernen müssen, da sie später einen essenziellen Faktor für ein harmonisches Zusammenleben bildet.
Abschliessend lässt sich sagen, dass trotz bahnbrechender Erkenntnisse in den Erziehungswissenschaften über die Psychologie von Kindern nicht vergessen werden sollte, dass es sich immer noch um Kinder handelt – komplexe junge Menschen, die liebevoll aufgezogen werden sollten und keinesfalls die Verantwortung für das Wohlbefinden ihrer Eltern übernehmen müssen. Dass ein Bewusstsein für mentale Gesundheit in der Gesellschaft entsteht, ist eine positive Entwicklung. Wenn sich Eltern jedoch von ihren Kindern nicht wertgeschätzt fühlen oder grundsätzlich unglücklich sind, ist es wichtig, andere Wege, etwa in Form von Familientherapie oder ähnlichen Angeboten, zu finden, anstatt auf den emotionalen Segen von Kindern zu warten, die die Gefühle ihrer Eltern noch gar nicht verstehen können.