Welche Merkmale der literarischen Moderne finden sich im Psychothriller «Black Swan»? Eine Annäherung.
Im Zuge der Behandlung der literarischen Epochen im Deutschunterricht schauten wir uns die letzten paar Wochen die Veränderungen an, die während des späten 19. Jahrhunderts, der Jahrhundertwende und der Jahre danach in der Literatur stattfanden. Die Literatur entwickelte neue Wesenszüge, die der traditionellen Erzählweise komplett widersprachen. Die neue, «moderne» Literatur versuchte mit neuen Gestaltungsmitteln, das veränderte menschliche Daseinsbewusstsein zu erfassen, welches aufgrund von monumentalen Entdeckungen durch ein Gefühl der Orientierungslosigkeit zersplittert wurde. Sigmund Freud, ein österreichischer Neurologe, stellte beispielsweise das vorherrschende Bild eines rational geleiteten Menschen infrage. Durch seine Erfindung der Sprechtherapie («die Psychoanalyse») rückte er das menschliche Unterbewusstsein, welches den Menschen durch innere Konflikte, Triebe und moralische Vorstellungen grundlegend beeinflusste, zunehmend ins Zentrum. Charles Darwin, ein englischer Biologe, widerlegte mit der Evolutionstheorie die zuvor angenommene gottgegebene Sonderstellung des Menschen und zeigte auf, dass unsere Existenz lediglich das Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses sei. Diese Entdeckungen erschütterten das menschliche Bewusstsein; Vorstellungen und Glaubenssätze, die jahrhundertelang für richtig galten, wurden innerhalb weniger Jahre als falsch widerlegt und über Bord geworfen. Literatur nimmt in ihrer Funktion oft die Rolle des gesellschaftlichen Seismografen an; sie ist entscheidend geprägt von gesellschaftlichen Umbrüchen, Glaubensvorstellungen und den Konflikten, welchen Menschen dieser Zeit ausgesetzt waren. Nicht anders sah dies bei der literarischen Moderne aus: Junge Literaten lehnten traditionelle Gestaltungsvorgaben vehement ab und hatten den Anspruch, mit ihrer Literatur zu gesellschaftlichem Umdenken aufzurufen. Sprache, die in traditioneller Literatur lediglich als blosses Gestaltungsmittel vernachlässigt wurde, bekommt in moderner Literatur die Funktion eines Strukturelements. Sprache als Gestalter und Träger von Sinn und Bedeutung trägt – neben anderen Strukturelementen wie den Figuren, der Wirklichkeitsabbildung etc. – massgeblich zum Inhalt bei. Doch nicht nur die Sprache wird mit einer neuen bzw. anderen Funktion aufgeladen: Sämtliche anderen Strukturelemente, darunter die Figuren-, Erzähl-, Wirklichkeitsgestaltung und Wirkungsabsicht, beinhalten neue Aspekte. Die traditionelle Literatur gestaltet Figuren als charakterlich fest, bestimmt durch klare, dauerhafte Charaktereigenschaften, meist Ausdruck eines bestimmten Menschenbildes und psychisch kohärent – also mit nachvollziehbaren, logischen Gedankengängen. In der literarischen Moderne wird diese Festigkeit der Figuren zweifelhaft: Sie tendieren zu einem Identitätszerfall, einer Entfremdung des eigenen Ichs und sind der Gesellschaft und der Handlung ausgeliefert, werden also zum Ausdruck eines sozialen bzw. gesellschaftlichen Zustands.
Im Folgenden will ich anhand des 2010 veröffentlichten Psychothrillers «Black Swan» versuchen, Parallelen zwischen zentralen Filmelementen und der literarischen Moderne aufzuzeigen. «Black Swan» handelt von der 28-jährigen Nina Sayers, einer ehrgeizigen und disziplinierten Ballerina. Sie ist Teil des New Yorker Ballettensembles, das unter der Führung des künstlerischen Leiters Leroy das klassische Ballett «Schwanensee» neu inszenieren will. Die vormalige Primaballerina Beth soll dabei durch eine neue ersetzt werden, die sowohl die Rolle des weissen Schwans als auch die Rolle des schwarzen Schwans perfekt verkörpern soll. Nina, die unter der Erziehung ihrer überfürsorglichen Mutter, welche selbst Ex-Ballerina ist, an nichts anderes denkt als an Ballett, kämpft um die Doppelrolle und versucht, Leroy mit ihrer perfekten Ausführung der Bewegungen zu überzeugen. Dieser meint jedoch, dass sie zwar die Unschuld und Zerbrechlichkeit des weissen Schwans perfekt beherrsche, es ihr jedoch am Verführerischen und Sinnlichen des schwarzen Schwans fehle. Sie strebt Perfektion im Ballett an, verliert sich darin aber nie. Um ihre Chancen für die Auswahl zu erhöhen, kreuzt sie in Leroys Büro auf, um ihn zu überzeugen. Nachdem sie sexuell belästigt wird und ihm auf die Lippe beisst, erfährt sie einige Tage später, dass sie für die Rolle ausgewählt wurde. Mit der Ernennung steigt der Druck in Ninas Umfeld massiv: Sie steht in ständigem Vergleich mit der Ballerina Lily, die den schwarzen Schwan besser verkörpert; die vorherige Primaballerina Beth beschuldigt sie, Leroy sexuell verführt zu haben, und trotz konstantem, erdrückendem Training scheint sie die Essenz des schwarzen Schwans immer noch nicht zu personifizieren. Sie entwickelt eine Paranoia, zweifelt an ihren Fähigkeiten und fürchtet sich davor, von Lily ersetzt zu werden. Ihre Dermatillomanie, eine Störung, die impulsartiges Kratzen der Haut auslöst, verschlimmert sich, und sie beginnt zu halluzinieren. Die Halluzinationen nehmen ein derart gewaltiges Mass an, dass sie meint, mit Lily eine sexuelle Begegnung gehabt zu haben, was am darauffolgenden Tag von Lily verneint wird. Am Tag vor der Premiere erleidet sie ihre bisher schwerwiegendste Halluzination: Die Bilder ihrer Mutter fangen an zu sprechen, sie zieht eine schwarze Feder aus ihrer Rückenwunde heraus und verwandelt sich daraufhin in den schwarzen Schwan, stösst gegen die Bettkante und verliert ihr Bewusstsein. Am Tag der Premiere wird sie von ihrer Mutter krankgemeldet, Nina entkommt jedoch gewaltsam aus der Wohnung und taucht unerwartet im Ballettstudio auf, wo sie erfährt, dass Lily ihre Rolle übernommen hätte. Selbstsicher bereitet sie sich auf das Stück vor und fällt anschliessend unglücklicherweise in der Rolle des weissen Schwans auf ihr Knie, ganz zum Entsetzen von Leroy. Zurück in der Kabine findet sie Lily vor, welche sich auf die Rolle des schwarzen Schwans vorbereitet, da Nina dazu nicht fähig wäre. Die beiden geraten aneinander, und Nina verletzt Lily tödlich mit einer Glasscherbe und versteckt die Leiche in einem Nebenzimmer. Wie in Trance tanzt sie den schwarzen Schwan leidenschaftlich und perfekt, unter tosendem Beifall des Publikums. Zurück in der Kabine für den finalen Akt trifft sie zu ihrem Grauen auf Lily, die ihr zur Vorstellung gratuliert. Erst jetzt versteht Nina, dass sie sich bei der Auseinandersetzung selbst verletzt hatte, nicht Lily. Blutend tanzt sie im letzten Akt den weissen Schwan makellos und fällt im Finale rückwärts auf eine Matratze mit den Worten: «Ich habe es gefühlt, es war perfekt… Ich war perfekt.» Ob Nina die Verletzung überlebte, bleibt offen.

Der Psychothriller weist eine Vielzahl an Gemeinsamkeiten mit den Merkmalen moderner Strukturelemente auf. Nina als Hauptfigur durchläuft während des Films bedeutende charakterliche Veränderungen: Anfangs als eine zerbrechliche, unschuldige Persönlichkeit, die den weissen Schwan perfekt verkörpert, gerät sie durch Erwartungen und Druck in einen wahnsinnigen Zustand und transformiert sich nach und nach in den schwarzen Schwan. Diese Transformation kommt zu einem Höhepunkt, als sie ihr eigenes Ich bzw. ihr früheres Ich in der halluzinierten Auseinandersetzung in der Kabine ersticht und somit vollständig vom schwarzen Schwan übernommen wird. Die Entwicklung entspricht der Figurengestaltung, die in der Moderne vorherrscht: Nina unterliegt einem Identitätsverlust und transformiert sich allmählich zu ihrem dunklen «Alter Ego». Diese Veränderung entsteht durch das Streben nach unmöglicher Perfektion aus ihrem Umfeld, bestehend aus ihrer Mutter, dem Ballettleiter Leroy und der Kontrahentin Lily. Nina ist dieser Entwicklung ausgeliefert und muss eine komplette Charakterveränderung durchlaufen, um den unerreichbaren Anforderungen gerecht zu werden. Der gesamte Film basiert rein auf Ninas subjektiver Wahrnehmung, der Zuschauer nimmt, ähnlich wie bei Kafkas «Der Process», eine Schulterposition in der Handlung ein und verfügt ausschliesslich über die von Nina wahrgenommenen Bilder. Mit ihren zunehmenden psychotischen Episoden wird die Handlung sehr chaotisch; man kann sich nicht mehr darauf verlassen, dass Ninas Wahrnehmung der «objektiven» Wirklichkeit entspricht. Halluzinationen, Verwandlungen, Zeitsprünge – Nina ist sichtlich in einer Psychose, mit dauerhaften Auswirkungen und der endgültigen Zerstörung des Ichs beim Streben nach Perfektion.
